Leseproben für die Neugierigen
Guardi - Wächter der Königin
Erzählt wird die Geschichte des Guardi. Er diente der Familie Vom Stern, den Herrschern des Mittelreiches.
Die Eleven des Königs
...
Nach ein paar Wochen wurde schließlich Paolo vom Teufel geritten. Er hatte gesehen, wie der Kronprinz eine kleine, etwas verwilderte Katze anlockte. Er fütterte sie mit seiner Brotzeit und spielte mit ihr. Paolo stiftete die beiden jungen Waldgrafen, Man Freddman und Edschiiran, an, mit ihm zusammen diese Katze zu fangen. Sie wollten sich mit ihr einen ›Scherz‹ erlauben. Die drei Eleven fingen die Katze, die inzwischen zu zutraulich geworden war und sperrten sie weg. In der nächsten Pause suchte Marcello ›seine‹ Katze. Die drei Lümmel banden ihr ein kleines Bündel Stroh an den Schwanz und steckten dieses an. Darauf warfen sie die Katze über den Grünzaun. Sie sahen ihr johlend nach, wie sie kreischend an Marcello vorbeirannte.
Der Kronprinz begann zu weinen. Liliane tröstete ihn kurz, geriet dabei aber selbst in Rage. Sie schnappte sich Man Freddman und hieb ihm ihre kleine Faust aufs Auge. Sofort war Edschiiran da und wollte seinem Bruder helfen. Er packte die Prinzessin an den Zöpfen, riss sie weg und schubste sie in Paolo hinein. Dieser ließ sie an seiner Schulter abprallen und sie fiel hin. Und die ganze Zeit grölten die drei, als sei es ein Riesenspass. In diesem Moment schlenderte der Junge um die Ecke und sah ›seine‹ Königskinder in Bedrängnis. Er rief wieder, wie einst bei Gorstadt: »He!« Die drei Eleven machten Front gegen ihn und der Tanz begann.
Man Freddman war zuvorderst. Diesmal schlug es auf dem anderen Auge ein, aber halt richtig. Er ging laut stöhnend zu Boden, mit den Händen vor dem Gesicht.
Als Nächster war Paolo am Mann. Er brachte einen krachenden Treffer ins Ziel, unter das linke Auge des Jungen. Dafür kassierte er einen geraden Hammer mitten ins Gesicht, was seiner Nase nicht gut bekam. Er stolperte blutspuckend etwas zurück. Dort sah er noch schemenhaft aus den Augenwinkeln den roten Haarschopf des kleinen, wilden Waldgrafen heranfliegen.
Dieser sprang dem Jungen von der Seite her mit Anlauf auf den Rücken. Er brachte ihn so für einen Moment aus dem Gleichgewicht. Dann krümmte der Junge den Rücken und Edschiiran purzelte über seinen Kopf hinweg. Noch in der Luft packte ihn der Junge. Er schleuderte ihn, den eigenen Schwung ausnutzend, von sich weg.
Mittlerweile war auch Man Freddman wieder da, musste aber erst seinen heranfliegenden Bruder auffangen. Er ging mit ihm zusammen gleich wieder zu Boden. Auch der Junge stolperte noch ein wenig und suchte dabei sein Gleichgewicht.
Jetzt versuchte sich Paolo wieder einzumischen. Er schlug eine harte Gerade auf den Körper des Jungen und hörte die Luft pfeifend aus dessen Lungen entweichen. Er kassierte aber umgehend einen wilden Heuschwinger auf die Seite seines Kopfes. Anschließend kassierte er eine geballte Faust auf den Kopf und hatte nun definitiv genug. Er stolperte fluchend in Deckung, dabei das heiße Ohr haltend. Einfach nur weg von diesem Vulkan.
Jetzt nahmen die beiden Waldgrafen den Jungen in die Zange. Sie schlugen gleichzeitig wild auf ihn ein, zerrten dabei heftig an seinen Kleidern. Nacheinander holten sie sich noch jeder eine tüchtige Maulschelle ab und flogen wiederum durch die Gegend. Sie schauten einander an und zogen sich darauf wütend knurrend rückwärts zurück. Der Junge behauptete die Kampfstätte.
Oben auf der Zinne zog der König seinen Kopf wieder zurück, dabei anerkennend nickend. Den hätte er auch gerne dabeigehabt, damals bei Zessget. Da hatte ihm sein Bruder ja wirklich einen guten Dienst erwiesen. Diese Ein-Mann-Wach-Kompanie, den er den ›Kleinen‹ nannte, beruhigte sein Vaterherz. Er hatte schon einen Gardisten schicken wollen, um die Lage zu beruhigen. Jetzt war er froh, dass das nicht mehr nötig war.
Prinz Marcello schaute derweil den Jungen mit offenem Mund bewundernd an. Liliane neben ihm hatte die Augen weit aufgerissen und hielt die Hand vor dem Mund. Die anderen Eleven hielten sich klugerweise respektvoll zurück. Doch aus dem Hintergrund keiften schrille Stimmen. Zwei der Wissenden, die Dienst hatten, da Meister Maarten nicht anwesend war, tauchten auf.
Sie befahlen mit bebender Stimme alle 4 ›Raufbolde‹, den Jungen, die beiden Waldgrafen und Paolo, zu sich. »Ist sonst noch jemand beteiligt oder hat sonst noch jemand was gesehen?«, fragten sie dann aufgebracht. Liliane wollte vortreten, wurde aber vom eisernen Griff des vorbeigehenden Jungen daran gehindert. Er schüttelte nur kurz den Kopf, als sie ihn fragend anschaute.
»Was war denn los?«, wollten die Lehrer wissen.
»Kleines Zusatztraining!«, griente der Junge, mit den Füßen scharrend, und schaute dabei die anderen drei durchdringend an. Prompt nickten die drei, wortlos.
»Worum ging es eigentlich, hatte das Ganze wenigstens einen Sinn!«
»Wir haben die Sitzordnung am Frühlingsball besprochen!«, meinte Paolo.
»Unerhört, unglaublich, kein Respekt vor den Erwachsenen, so eine Frechheit!«, zeterte der weißhaarige Lehrer weiter. »Sinnloser Raufhandel, also! Dafür gibt es drei Tage Haft, mindestens. Aber ganz unten, bei Wasser und Brot!«, donnerte er mit dünner Stimme. »Und für die zerrissenen Kleider müsst ihr auch selbst aufkommen. Das ist nicht im Schulbetrieb passiert, nein, nicht im Schulbetrieb!«
Der herbeigerufene Wachhabende der Königsgarde nahm die ramponierten vier Gestalten mit ernstem Gesicht in Gewahrsam.
»Drei Tage Wasser und Brot also. Passt auf, ihr Kloppköpfe, folgender Vorschlag: Ihr schreibt euch nach der Ausbildung in der Akademie bei der Garde ein. Dafür gibt’s etwas Besseres als nur Wasser und Brot. Solche ›Kampfschweine‹ wie euch können wir nämlich gebrauchen. Allerdings müssen sie körperlich gut beieinander sein!«, meinte er beim Hinuntermarschieren zu ihnen.
Die vier Arrestanten fühlten sich geschmeichelt und sagten euphorisch gleich zu. Zur Garde, aber hallo! Darauf wurden sie in den Keller geführt und jeder in einen einzelnen Käfig gesperrt. Der Junge und Paolo rechts, die beiden Waldgrafen links.
»Alle zwei Stunden ist austreten. Dreimal im Tag gibt's Wasser und Brot, oder so was ähnliches!«, knurrte der Wachhabende.
Zum Schluss erhielt jeder einen Eimer Wasser und ein paar Stofflappen, um die Blessuren zu verarzten.
Der Junge hatte mittlerweile eine deftige Schwellung unter dem linken Auge, Paolo blutete immer noch aus der Nase, Man Freddman hatte ein geschwollenes Auge und Edschiiran aufgeschürfte Knie und Ellenbogen. Und alle hatten zerrissene Kleider. Na ja, die Kleider beschäftigten die jungen Adligen weit weniger als den Jungen. Denn der hatte keine Ahnung, wie man in einer Königsburg an neue Kleider kommt.
Edschiiran, der kleine Rotschopf, meldete sich von drüben und fragte den Jungen beiläufig: »Sag mal, hast Du wirklich mal mit Meister Maarten eine Stadt verteidigt?«
Der Junge nickte. »Und wird denn in einer richtigen Schlacht auch so hart gekämpft wie vorhin?«
Der Junge schaute ihn nachdenklich an und meinte dann ganz ernst: »Nein, so hart schon nicht, das war wirklich extrem!« Die beiden anderen grinsten.
»Sag mal, warum spielst Du eigentlich den Schutzengel für die beiden?«, fragte Paolo?
»Weil ich die beiden mag, vielleicht? Oder weil ich wirklich ein Schutzengel bin, vielleicht? Oder weil es am Tag hell ist und in der Nacht dunkel, vielleicht?«, lachte der Junge laut.
»Schutzengel also! Nennen das die Wissenden nicht Guardian oder so?«, fragte Man Freddman.
»Guardi passt, das ist der richtige Name für diesen primitiven Schlägertypen, oder wisst ihr einen Besseren?«, grölte Paolo übermütig.
In diesem Moment trat der Wachhabende ein, in seinem Schlepptau führte er Schnorpfi, die Bedienteste, die die Königskinder betreute.
Sie schaute die vier Zerrupften an, mit eisigem Blick, wortlos. Dieser wurde erst wieder wärmer, als sie den Guardi musterte. Vor allem die Gegend um sein linkes Auge betrachtete sie eingehend. Schnorpfi nahm nun regelrecht Maß mit den Augen. Von oben nach unten, von links nach rechts. Trat auf die eine Seite, trat auf die andere Seite. Nickte, drehte sich um und ging, die ganze Zeit wortlos. Der Wachhabende zuckte die Schultern.
»Los, kommt raus! Erst austreten, nachher ins Wachlokal, ihr habt Besuch!«, meinte er dann in dienstlichem Ton.
Die Arrestanten traten heraus. Sie vertraten sich ein wenig die Beine und zogen dabei die frische Luft tief ein. Dann sahen sie, dass Meister Maarten im Wachlokal auf sie wartete.
»Ouhouhouuuhhh!«, heulte Edschiiran wie ein Wolf. Jetzt wurde es wohl richtig hart.
Meister Maarten winkte sie heran und dann brach ein Donnerwetter über die vier Eleven herein: »… Disziplinlosigkeit … Undankbarkeit … schlechtes Beispiel …. mehr Hirn im Kopf erwartet … ausgerechnet die Grössten … nur noch einmal, aber wehe …«, wetterte er mit ihnen, mit blitzenden Augen und rotem Gesicht.
Die vier Sträflinge standen da wie Kerzen, keiner sagte einen Ton, keiner verzog eine Miene, keiner bewegte sich.
»Allerdings kann man trotzdem etwas üben, wäre doch schade um die Zeit!«, meinte er leichthin, nach einer Weile, nachdem er sich wieder etwas beruhigt hatte.
Dass das nur eine Falle war, fanden sie allerdings recht schnell heraus. Er führte die vier in den Keller, jedoch in einen anderen Raum. Dort verteilte er die herumliegenden Übungswaffen aus Holz, knotige Schlagstöcke, etwa zwei Meter lang. Er selbst nahm auch einen zur Hand. Handschuhe standen leider keine zur Verfügung. Meister Maarten zeigte ihnen die Grundhaltung mit einer Schlagwaffe, dazu erste Angriffs- und Abwehrbewegungen. Dann ließ er sie lächelnd etwas miteinander üben. Das machte den vier Sträflingen richtig Spass!
Anschließend mussten sie gegen ihn antreten. Der Guardi versuchte es als Erster. Schließlich konnte er da mitreden. Es rappelte ein paar Mal, dann traf ein fürchterlicher Schlag seinen Stock. Seine Waffe flog davon und zum Abschied gab es noch einen schmerzhaften Schlag auf die Finger. Er wusste jetzt wieder, warum sie Meister Maarten ›Grap‹, eben, den Stein, nannten. Der Guardi steckte seine schmerzenden Hände in den Wasserkübel.
Der Nächste war Paolo, der auch gleich anschließend fluchend seine glühenden Hände ins kühle Wasser steckte. Auch die beiden Waldgrafen kassierten Hiebe. Jetzt forderte Meister Maarten die beiden Grossen gemeinsam heraus. Sie probierten es redlich und griffen gleichzeitig von zwei Seiten an. Sie verloren aber bald die Knotenstöcke und kassierten zum Abschied je einen schmerzhaften Schlag. Guardi traf es quer über den Rücken, Paolo auf den Oberarm.
Darauf durften die beiden Waldgrafen nochmals gemeinsam ran und es hagelte wieder Schläge. Damit war die Lektion in Sachen Hackordnung vorbei. Sie wussten jetzt alle vier, dass mit Meister Maarten nicht zu spaßen war.
Die Stimmung mittlerweile ziemlich gedrückt, als es dunkel wurde.
...
Tödliche Lebenswege
Ein Krimi, vor der Kulisse der Stadt Zürich, im Umfeld der Schweizer Banken, um die Jahrtausendwende.
...
So um 19:00h schlenderte ich wieder hinauf in Richtung Niederdorf. Für meine Pension am Stauffacher war es noch zu früh. Im Niederdorf herrschte jetzt buntes und emsiges Treiben. Ich ließ mich entspannt vom Strom der Leute treiben und genoss den warmen Abend. Als ich an der Bravo-Bar bei der Napfgasse vorbeikam, stürzte jemand aus der Türe. Ein junger Banker, oder so was in der Art, rannte voll in mich hinein.
»Pass doch auf«, muffelte er hektisch in meine Richtung und sein Atem roch nach Bier. Ich schaute ihm wortlos nach, wie er davon preschte.
»He, Micha!«, rief plötzlich eine bekannte Stimme. Gabryel kam sparsam lächelnd näher. Der Wolfsblick war wieder im Warteraum, er schaute mich im Moment an wie ein Kollege.
»Bier?«, demonstrierte er mir seine Deutschkenntnisse.
»Da« sagte ich auf Russisch und schaute ihn dabei todernst an. Dann lachten wir beide. Anschließend bummelten wir in ein Gartenrestaurant rüber und ich bestellte zwei Bier.
Wir pflegten eine ruhige Konversation. Gabryel machte Bewegungen wie ein Autofahrer und schaute mich mit einem fragenden Gesicht an. Ich zuckte entschuldigend mit den Schultern und zeigte meine leeren Hände.
»Nein, leider nicht.«
Er nickte verstehend und zuckte dann die Schultern. Nachdem wir das Bier getrunken hatten, das diesmal ich bezahlte, promenierten wir weiter, Richtung See. Von links, aus der Blaufahnenstraße, ertönte ein heftiges Geschrei. Eine Frau versuchte krampfhaft einen offensichtlich Angetrunkenen zu beruhigen.
»Du blöde Schlampe, wegen dir verliere ich meinen Job«, grölte dieser.
Die Frau sprach beruhigend auf ihn ein, was aber nichts nützte.
»So schau halt, dass das in Ordnung kommt, du doofe Nuss!« brüllte der Mann wieder.
Hierauf enteilte ihm die Frau mit raschen Schritten. Sie eilte am Migros Fitnesspark Hamam Münsterplatz vorbei, verfolgt vom heftig gestikulierenden und zeternden Mann. Er holte sie ein, packte sie an der Schulter und zerrte sie auf das Trottoir zurück. Sie versuchte sich freizumachen, worauf er ihr eine schallende Ohrfeige verabreichte. Sie stolperte und fiel hin, die Augen weit und erschrocken aufgerissen. Das Licht fiel auf das Gesicht des Mannes. Ich erkannte ihn, es war dieser junge Banker, der mich vor der Bravo-Bar angerempelt hatte.
»He da!«, rief ich ihn laut an und ging mit ausgestrecktem Arm auf ihn zu. Ich mochte es nämlich nicht, wenn man Frauen schlug. Außer beim Schach.
Er schnellte herum, fixierte mich kurz und stürzte sich mit ausgestreckten Armen auf mich.
»Verpiss dich!«, schrie er dabei.
Wir flogen beide an die Hauswand. Ein schmirgelndes Gefühl begann an meinem Rücken zu brennen. Ich versuchte, den Banker irgendwo zu packen und wir rangelten chaotisch miteinander. Er ließ zwei wilde Schwinger los. Einer traf mich am Oberarm. Der andere traf zwar nur halbwegs, aber trotzdem schmerzhaft, mein Ohr. Doch jetzt reichte es mir. Ich hatte nun endgültig die Faxen dicke von diesem Trampel!
Ich hielt ihn mit einer stechenden Geraden vorne auf den Bizeps etwas auf Distanz. Dann täuschte ich einen Schlag an seinen Kopf an. Er nahm schön brav die Deckung hoch. Mein Leberhaken schüttelte ihn durch und seine Fäuste sanken herunter. Er stand nun vornübergebeugt da und würgte sein Bier herauf. Mein kurzer Haken fand sein Kinn. Ich spürte seine Zähne auf meiner Faust. Weil er grad so schön dastand, gab es noch eine deftige Klatsche als ›Gutenachtkuss‹. Er sank gurgelnd zu Boden und krümmte sich dort vor Schmerz.
Plötzlich packte mich ein eiserner Griff an der Schulter und riss mich zur Seite. Zwei stumpfe Augen in einem ausdruckslosen Gesicht unter einer Glatze schauten mich an. So muss es gewesen sein, wenn man mit Alexander Ragulin beim Bully stand. Der Typ war einer der Brocken aus der Lothringergasse 11. Ich merkte, dass ich in seinem Griff keine Chance hatte, probierte es aber trotzdem. Wie ein Fisch an der Angel drehte und wand ich mich. Auf die Füße treten, meinen Ellenbogen in seine Leber rammen oder ihn einfach wegstoßen - nichts ging.
Jedoch seinen schmerzhaften, gekonnten Griff, als er mich in den Schwitzkasten nahm, spürte ich. Mir blieb schnell einmal die Luft weg. Ich konnte mich kaum mehr bewegen und vor meinen Augen begann sich alles zu drehen. Eine Frauenstimme schrie laut. Dann wurden russische Worte gerufen. Der Druck verschwand plötzlich und ich kriegte wieder Luft. Mein Blick begann sich zu klären. Und ich genoss den Anblick, der sich mir bot, trotz der Tränenschleier vor meinen Augen.
Ein blonder Wirbelwind trommelte abwechselnd mit Fäusten, Ellenbogen, Knien und Füssen auf den Brocken ein und trieb ihn so vor sich her. Jeder Schlag wurde durch einen bellenden Laut begleitet. Dazwischen klatschte es manchmal laut und manchmal dumpf. Irgendwann fiel der Brocken der Länge nach wie ein gefällter Baum klatschend auf den Asphalt. Gabryel drehte sich blitzschnell auf den Absätzen um. In den Hüften eingeknickt, blickte er mich an. Mehr denn je sah er aus wie ein hungriger Wolf. Er bleckte die Zähne und nickte mir kurz zu.
Die Frau hatte, immer noch am Boden liegend, den beiden Kämpfenden mit weit aufgerissenen Augen zugesehen. Ich schleppte mich zu ihr hin und half ihr auf die Beine. Anschließend versuchte ich, die verstörte und heftig atmende Dame irgendwie zu beruhigen. Ich umarmte sie zu diesem Zweck einfach und hielt sie an mich gepresst. Sie ließ es geschehen, ich hörte und spürte sie heftig atmen.
Leute liefen durcheinander, riefen laut und zeigten in unsere Richtung. Eine Trillerpfeife ertönte, Schritte erklangen und eine blaue Uniform tauchte auf.
»Was ist hier los?«, rief laut eine nach Amt tönende Stimme schon von weitem.
Ich schaute mich um. Eine ramponierte Business Lady und ein mitgenommener Migi waren noch da. Die restlichen Darsteller waren verschwunden, hatten sich in Luft aufgelöst.
»Hat er Sie belästigt?«, fragte der blaue Depp die Dame.
»Nein, er hat mir das Leben gerettet, weil Sie nicht zur richtigen Zeit aufgetaucht sind!«, fauchte sie ihn gereizt an.
»Wollen Sie Anzeige erstatten?«, gab der Blaue immer noch keine Ruhe.
»Nein, ich überlege mir die nächsten Schritte zuerst …«, sagte die Dame nachdrücklich, in bestimmtem Tonfall. »… und wenn Sie noch weitere Fragen haben, die der Klärung der Situation dienen könnten, können Sie uns morgen gerne zu Bürozeiten da erreichen.« Uns! Jawoll!
Sie nestelte eine Visitenkarte aus der Tasche und hielt sie dem Beamten hin. Der Blaue war nun endlich im Bilde, die Visitenkarte hatte ihn offensichtlich beeindruckt. Da musste ja was ganz Wichtiges draufstehen.
»Gehen wir«, sagte sie dann ganz cool zu mir und nickte dem Polizisten ungnädig zu. Sie setzte sich in Bewegung und ich folgte ihr. Dabei schaute ich sie erst einmal ganz in Ruhe bei Licht an. Eine attraktive, hübsche Dame mit mittellangen, dunklen Haaren. In einem gepflegten, legeren Look, speziell gekleidet und mit einer tollen Figur. Dazu ein bestimmter, selbstsicherer Auftritt. Doch, sie gefiel mir, sie gefiel mir sogar sehr gut!
Am Brunnen beim Zwingliplatz wuschen wir uns beide die Hände und ich gleich auch noch die Arme und das Gesicht. Es spritzte ein wenig. Die eine Gesichtsseite brannte immer noch ein bisschen, war wohl rot. Der Rücken brannte, hoffentlich blutete ich nicht. Sie drehte sich zu mir hin, sie hatte sich offenbar wieder gefasst.
»Danke für die Hilfe, das eben, das war richtig schlimm für mich«, sagte sie mit dunkler Stimme.
»Gerne«, sagte ich, modern und aufrichtig, innerlich auf die Zähne beißend.
Sie hatte so unbestimmte graublaue Augen, die mich eindringlich musterten, offen und doch zurückhaltend.
»Wollen wir uns nicht du sagen? Wäre doch passend nach dieser Schlägerei. Ich heiße Su.«
»Miguel, meine Freunde sagen alle Migi.«
»Freut mich, Migi, und ich schulde dir übrigens ein T-Shi.« Ich sah an mir hinunter. Mein weißes Lacoste war total verdreckt und vielleicht auch zerrissen. Ich sah aus wie Sau.
»Ach was«, sagte ich großspurig. Su lächelte, dann nahm sie meinen Arm und wir marschierten los in Richtung Bellevue.
An der nächsten Boutique, in der Torgasse, stieß mich Su hinein. Dank Abendverkauf war der Laden noch offen. Exklusiver Schuppen, darin wurden viele dieser sogenannten State-of-the-Art Marken für die jungen Schönen und andere Profilneurotiker angeboten. Na ja, ich selbst trug ja auch eine Premiummarke.
Sie strebte sehr zielsicher zum Regal von Lacoste, musterte mich kurz, sagte »… mmmh …« und nahm ein weißes Shirt zur Hand.
»Oder?«, sagte Su zum herankommenden Verkäufer. Der schaute mich kurz an, darauf die Größe des Shirts, nickte und wies mich zur Kabine.
»Der Herr behält es gleich an«, sagte sie bestimmt, worauf mir der Verkäufer eine Tragtasche mitgab.
Aha! Ich nickte, hatte verstanden. Bin eben ein helles Kerlchen. Also ging ich mich umziehen, stopfte das schmutzige Shirt in die Tasche und kam zurück. Sie musterte mich und lächelte schließlich zufrieden. Ich lächelte auch. Der Verkäufer streckte ihr eine Verpackung hin und gab ihr dann die Kreditkarte zurück. Platin - hoppla.
»Zur Sicherheit, als Reserve. War grad in Aktion!«, sagte sie draußen kurz und hielt mir die Verpackung hin. Darin war ein zweites weißes Shirt von Lacoste. Ich wette ungeschaut, dass dieser Schuppen keine Lacoste-T-Shi-Aktionen macht.
Su nahm wieder meinen Arm und wir zogen los. Ich bemerkte, dass Sie keinen Ehering trug, allerdings sonst allerhand Schmuck. Silber schien ihr zu gefallen. Sie sah einfach nur gut aus, alles passte und ich fühlte mich wie ein König mit diesem Schmuckstück am Arm. Am See unten setzten wir uns in das Gartenrestaurant mit dem sinnigen Namen ›Pumpi‹.
»Café, Tee, Mineralwasser, oder …?«, fragte ich höflich.
»… etwas Rotwein, auf den Schreck …?«, fragte sie zurück und lächelte. Was für eine Frau. Ich lächelte auch und bestellte den Flaschenwein, den es hier glasweise gab, als Probieraktion. Dazu ein Mineralwasser, mit zwei Glas. Der Wein kam aus der Bündner Herrschaft, aus Jenins, ein kühler, leichter Rotwein. Sie schaute mich irgendwie völlig perplex an.
...
Khirbanu - Der Ruhm gehört den Tapferen!
Dies ist die Erzählung über Khirbanu, ein Findelkind. Er verdiente sich einen Platz am Hof von Urartu, zur Zeit des Neuassyrischen Reiches.
...
Wir schlichen gebückt der Mauer entlang zur kleinen Pforte. Diese war immer noch offen. Schnell schlüpften wir hindurch und gelangten an die Türe der Schenke. Drinnen wurde gelärmt und gejohlt. Sarduri ging voraus, er schien sich auszukennen. Der Wirt sah ihn und wies mit dem Kopf zur Seite. Offensichtlich kannten sich die beiden gut. Wir traten in einen kleinen, dunklen Nebenraum. Es brannten nur ein paar Kienspäne.
«Na, ihr Herren, habt ihr die Pflicht erfüllt?», fragte der Wirt jovial und wischte mit einem schmutzigen Lappen über den schmutzigen Tisch.
«Klar, Pflicht erfüllt, aber die Belohnung steht noch aus!», gluckste Sarduri gutgelaunt. «Bring uns was zu essen und viel zu trinken!»
«Aber klar, etwas Braten mit Fladenbrot hilft euch sicher weiter. Und gerade gestern habe ich einen neuen Wein aus dem Norden, aus Qulhai, erhalten.»
Gleich darauf erschien eine junge Frau in ärmlichen Kleidern und brachte das Essen. Sie stellte es wortlos vor uns auf den Tisch. Einen Moment lang musterte sie meine Augenklappe.
«Na hallo, wie heisst du denn?», fragte Sarduri neugierig und lachte sie breit an.
Sie sah ihn ausdruckslos an und verschwand, ohne eine Antwort zu geben. Der Wirt brachte den Wein. Er stellte den Krug auf den Tisch und dazu zwei Tonbecher. Er bemerkte den fragenden Blick von Sarduri.
«Sie kam, zusammen mit ihrer Mutter, als Beute vom letzten Kriegszug aus dem Osten», erzählte er. «Ich habe keine Ahnung, welche Sprache sie sprechen. Hoffentlich können sie arbeiten, sonst muss ich sie in den Süden weiterverkaufen.»
Ich verspürte ein Würgen im Hals. Möglicherweise war genau das meinem Bruder passiert. Mittlerweile kannte ich meine eigene Geschichte in vagen Umrissen. Mir war bewusst, dass ich Glück gehabt hatte. Statt bei Tussadana zu leben, könnte ich jetzt auch in einem Bergwerk Steine klopfen. Ich spürte, dass mich Sarduri aus den Augenwinkeln musterte. Gespielt unbekümmert schenkte er dann für uns beide ein und wir tranken. Der Wein schmeckte erstaunlich gut. Wir stopften gierig Braten und Brot in uns hinein. Auch ein mir unbekanntes Gemüse war dabei. In unserem Alter hat man immer Hunger. Dazu becherten wir munter. Nach einer Weile rülpsten wir beide zufrieden.
«Gibt es keine Gesellschaft heute?», rief Sarduri gut aufgelegt.
«Wir sollten jetzt wohl besser zurück auf die Wache. Wir sind schließlich im Dienst.»
Ich wusste, dass sich jetzt wieder Sarduris Leichtsinn meldete. Seine Augen funkelten mutwillig.
«Ja, du vielleicht, aber ich bin eigentlich dienstfrei! Ach komm, uns vermisst schon keiner!»
Sarduri sprang auf und tigerte aufgeregt nach vorne.
«Wo sind denn nur die Mädchen!»
Er stockte, als wäre er gegen eine Wand gerannt und wich zurück in den Nebenraum.
«Suchst du ein bestimmtes Mädchen, Novize?» fragte die bärbeißige Stimme Kerrdhassas.
Er stand plötzlich mitten im vorderen Raum. Sein Blick schien uns beide töten zu wollen.
«Habe ich euch nicht auf Wache geschickt? Und wisst ihr beiden Volltrottel eigentlich, was auf unerlaubtes Entfernen im Dienst steht? Und das auf Wache!», donnerte er im besten Kasernenton durch den Raum. Dort war es so ruhig wie in einem Tempel geworden. Kerrdhassas Gesichtsfarbe steigerte sich von Rot auf Blau. Einige andere Gäste zogen unwillkürlich die Köpfe ein. Das waren wohl Veteranen.
Auch das erschreckte Gesicht unserer stummen Bedienung taucht kurz hinter einem Fass auf. Der Wirt kam angewuselt. Er hatte sichtlich Angst um die Zeche. Sarduri legte hastig ein Kupferstück auf den Tisch. Beim Hinausstolpern sah ich im Halbdunkel der Gaststube das Gesicht des Wachkommandanten. Sein hämisches Grinsen gefiel mir gar nicht. Dumm gelaufen, ausgerechnet in die gleiche Schenke zu geraten wie der Vorgesetzte. Ich dachte an die Folgen dieses Zusammentreffens und spürte ein schmerzhaftes Brennen im linken Auge.
Das erste Donnerwetter brach im Wachlokal über uns herein. Kerrdhassa stand vor seiner Trophäenwand, wo allerlei beschädigte Waffen aus fremden Gegenden hingen. Die hatte er jeweils nach Feldzügen als Erinnerungen mit nach Hause gebracht. Er wiederholte lautstark seine Ausfälligkeiten von vorhin. Dann erweiterte er seine Strafpredigt.
«Stillgestanden, verflucht noch einmal! Die Kameraden müssen sich auf die Wachen verlassen können! Wenn da jeder einfach in der Gegend herumlungern würde, wie es ihm gerade einfällt! Wo kämen wir denn da hin! Hunger! Was, bei allen Dämonen, ist das, Hunger! Ihr werdet tagelang reiten und kämpfen müssen, ohne von Mammas Küche verwöhnt zu werden! Stillgestanden, ihr Hohlköpfe, stillgestanden, habe ich gesagt! Und zwar gerade! Haltung! Ich überlege mir ernsthaft, euch beide hochkant aus der Garde zu werfen! Verdammt, was sollen wir mit solchen Leuten! Unglaubliche Schweinerei, einfach unglaublich!»
Tobend und blau im Gesicht stand er vor uns. In seinem Rücken flog krachend die Türe an die Wand. Die gestikulierende Schildwache wurde einfach zur Seite geschoben. Das ernste Gesicht von Lutipri, dem Vater von Sarduri, schob sich in den Lichtschein. Seine Stirnader war stark geschwollen. Dem Kommandeur der Garde sah man den Zorn deutlich an. Er hatte die Vorwürfe gegen uns schon draussen gehört. Uns beiden rann mittlerweile der Schweiss über das Gesicht. Ich realisierte, dass wir ziemlichen Mist gebaut hatten.
Und wieder donnerte die Türe an die Wand. Diesmal war es Aramu, der sich in den Raum schob. Unter zusammengezogen Brauen betrachtete er mit starrem Gesicht das Geschehen. Unsere Ankläger salutierten vor dem König. Wir schwitzten noch heftiger.
«Macht weiter», brummte Aramu leicht ablehnend, als ihn Kerrdhassa und Lutipri fragend anschauten.
«Nun, Kerrdhassa, was für eine Strafe hältst du denn für angemessen?», fragte Lutipri mit gepresster Stimme und mit funkelnden Augen.
Dieser fühlte sich offenbar geschmeichelt, dass seine Meinung gefragt war.
«Also, im Stall hat es noch eine Menge Arbeit, die getan werden muss. Wir erwarten zudem die Geburt einiger Fohlen. Da ist es gut, wenn immer jemand anwesend ist. Dazu müssen in der nächsten Zeit die jungen Pferde aus den Bergen heruntergetrieben werden. Ziemlicher Krampf, die Tiere sind ja noch nicht fertig zugeritten. Gibt wohl ein paar blaue Flecken. Die Treiber von Askutt sind bestimmt froh, wenn sie etwas Hilfe durch Pferdefachleute erhalten. Und die, die noch keine Fachleute sind, werden es dann werden.»
Er schaute uns mit gespielt unschuldiger Miene an.
«Aber die Ausbildung darf natürlich in der Zeit nicht vernachlässigt werden, das ist schon klar, oder?», fügte Lutipri mit gepresster Stimme hinzu.
«Man kann ja mal einen Fehler machen!», meldete sich des Königs dunkle Stimme. «Aber allzu viele sollten es dann schon nicht sein. Und natürlich muss man für seine Fehler geradestehen. Das ist immer so!»
Sein durchdringender Blick nagelte uns fast an die Wand. Mit einem knappen Nicken drehte er sich um und trampelte wieder hinaus. Sein Schwager Lutipri folgte ihm, vor Wut bebend, dabei etwas vor sich hinmurmelnd.
«Also, folgendermaßen …» Kerrdhassa wandte sich wieder uns zu und erklärte uns laut, ausführlich und mit deftigen Flüchen garniert, was wir in der nächsten Zeit zu erwarten hatten. Uns glühten bald einmal die Ohren.
...